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CHAN / ZEN · Ostasiatische Region

Chan (Zen)

Es gibt dir keinen weiteren Guide. Es weckt dich.

Chan (Zen) ist der bekannteste Zweig des ostasiatischen Buddhismus. Sein Kernvorgang besteht aus genau einer Bewegung: ohne Umweg über Begriffe direkt das erkennen, was du ohnehin schon hast.

Der Satz „nicht auf Schriftzeichen gegründet“ wird gern als Bildungsfeindlichkeit gelesen. Chan hat dabei die umfangreichste Literatur des gesamten ostasiatischen Buddhismus hervorgebracht (Lampen-Chroniken, Aufzeichnungen der Meister, Kōan-Sammlungen), und es teilt den Übungsweg feiner ein, als die meisten vermuten. Diese Seite legt diese Karte offen hin.

Serverstart
6. Jh. eingeführt · Mitte 7. Jh. gegründet · 8.-9. Jh. ausgeformt
Tatsächliche Gründer
Daoxin (580–651), Hongren (601–674);
Huineng (638–713) als symbolischer Stammvater
Serverstatus
hochaktiv
Verbreitung
China, Taiwan, Japan, Korea, Vietnam, Europa und Nordamerika
01

Was Chan eigentlich macht

Eine Formulierung wird regelmäßig plattgedrückt, also zuerst die. „Nicht auf Schriftzeichen gegründet“ ist eine Aussage über Wörter und kein Leseverbot. Gemeint ist: Das Wort ist die Sache selbst nicht. Verwechsle die Speisekarte nicht mit dem Essen. Die Chan-Meister zitieren mit außerordentlicher Dichte. Huineng erwachte, als er das Diamant-Sūtra hörte, und das frühe Chan besiegelte den Geist mit dem Laṅkāvatāra-Sūtra.

Die eigentliche These des Chan betrifft die Methode. Wenn die Buddha-Natur jedem von vornherein eigen ist, lautet die Frage „warum erkennst du sie nicht“ und eben nicht „wie bekomme ich sie“. Deshalb addiert Chan nichts. Es subtrahiert.

These eins

Die Buddha-Natur ist schon da

Was du suchst, liegt nicht anderswo, nicht in der Zukunft, und es wird auch nicht erst ausgezahlt, wenn du genug angespart hast. Es läuft in diesem Moment. Deine Aufmerksamkeit lag die ganze Zeit auf dem, was es produziert, und du hast dich nie umgedreht zu dem, was da produziert.

These zwei

Plötzliches Erwachen

Dieses Erkennen ist der Sache nach nicht allmählich. Vorbereiten kannst du dich lange, der Moment des Erkennens selbst hat keinen Zwischenzustand. Achtung: „plötzlich“ beschreibt das Sehen, es heißt nicht „erledigt“. Nach dem Sehen der eigenen Natur kommt eine sehr lange Arbeit des Haltens. Dazu weiter unten die Stufenkarte.

These drei

Direkt auf den Geist zeigen

Wenn es ums Erkennen geht, ist das wirksamste Mittel, eine Lage herzustellen, in der das Begriffssystem auf der Stelle versagt. Stockschlag und Anschrei, das blitzschnelle Wortgefecht, das Huatou: verschiedene Werkzeuge für diesen einen Zweck.

These vier

Der alltägliche Geist ist der Weg

Kein Sonderraum. Chan schiebt die Übung aus der Meditationshalle zurück ins Wasserholen und Holzhacken. Baizhang schreibt in seine Klosterregel „Ein Tag ohne Arbeit, ein Tag ohne Essen“ und macht die Arbeit selbst zum Pensum. Das ist der größte Eingriff, den der ostasiatische Buddhismus am indischen vorgenommen hat.

Die eigene Natur des Erwachens ist von Anfang an rein; gebrauche nur diesen Geist, und du wirst unmittelbar Buddha.Plattform-Sūtra des Sechsten Patriarchen
02

Herkunft: eine nachträglich konstruierte Linie

Zuerst der Teil, der meistens weggelassen wird. Die einlinige Übertragung „Bodhidharma → Huike → Sengcan → Daoxin → Hongren → Huineng, eine Blüte mit fünf Blättern“ ist eine Erzählung, die in Tang und Song schrittweise entstanden ist. Ein zeitgenössisches Protokoll ist sie nicht.

Quellenmäßig belastbar wird es beim „Dharma-Tor des Östlichen Berges“ von Daoxin und Hongren (Mitte 7. Jh., Huangmei). Das war die erste Chan-Gruppe von einiger Größe, mit festen Klöstern und klar bezeugter Meditationslehre. Zu Bodhidharma ist die Quellenlage außerordentlich dünn. Das Bild Huinengs hat zu großen Teilen Shenhui (684–758) geprägt und im Machtkampf mit der Nördlichen Schule zur Orthodoxie erhoben.

Das zu wissen kostet Chan nichts und macht es glaubwürdiger. Chan hat in wirklicher Geschichte konkurriert, sich verändert und seinen Stammbaum selbst geschrieben. Vom Himmel gefallen ist hier nichts.

6. Jh.

Bodhidharma kommt nach OstenLegendenschicht

Neun Jahre vor der Wand, die Überquerung des Stroms auf einem Schilfhalm: literarisch großartig, historisch fast wertlos. Belegen lässt sich, dass in dieser Zeit Mönche aus Zentralasien oder Südindien eine Meditationspraxis mitbrachten, die sich auf das Laṅkāvatāra-Sūtra stützte.

Mitte 7. Jh.

Das Dharma-Tor des Östlichen BergesDaoxin · Hongren

Der eigentliche organisatorische Anfang des Chan. Sesshaftigkeit, Feldarbeit, gemeinsamer Tagesablauf, daraus wird später das Klostersystem. Hier wird aus einer wandernden Asketenpraxis eine Gemeinschaft mit Besitz.

8. Jh.

Der Streit zwischen Süden und NordenShenhui · Huineng vs. Shenxiu

Shenhui warf der Linie des Shenxiu öffentlich vor, ihre Übertragung sei eine Nebenlinie und ihr Weg allmählich. Das „Plötzliche“ setzte er als Orthodoxie durch. Der Ausgang dieses Machtkampfs bestimmt bis heute, wie Chan von sich selbst erzählt.

Die berühmte Gegenüberstellung der beiden Verse, „Der Körper ist der Bodhi-Baum“ gegen „Bodhi hat ursprünglich keinen Baum“, ist die literarisch verdichtete Fassung genau dieses Streits.

8.-9. Jh.

Hongzhou-Chan und das KlostersystemMazu Daoyi · Baizhang Huaihai

Mazu bringt Chan auf „Der alltägliche Geist ist der Weg“ und „Genau dieser Geist ist Buddha“, der Stil verschiebt sich vom stillen Sitzen zum schlagfertigen Dialog. Baizhang verfasst die Klosterregel und setzt mit „Ein Tag ohne Arbeit, ein Tag ohne Essen“ das arbeitende Kloster durch. Dass Chan die Huichang-Verfolgung überlebt hat und andere Schulen nicht, liegt zu großen Teilen an dieser sich selbst versorgenden Organisationsform.

9.-10. Jh.

Fünf HäuserGuiyang · Linji · Caodong · Yunmen · Fayan

Nacheinander entstehen fünf Häuser mit sehr verschiedenen Temperamenten. Die schöpferischste Zeit des Chan und die Herkunft der allermeisten berühmten Kōan.

12. Jh.

Huatou gegen stilles ErleuchtenDahui Zonggao · Hongzhi Zhengjue

Zwei Hauptmethoden nehmen feste Form an: die Huatou-Übung der Linji-Linie und das Mozhao, das stille Erleuchten der Caodong-Linie. Ihr „Streit“ wird gern als persönliche Fehde erzählt. Die Forschung (Morten Schlütter) liest ihn vor allem als institutionelle Konkurrenz zweier Song-zeitlicher Schulen um Förderer aus der Beamtenschaft und um Klosterressourcen.

ab 13. Jh.

Übertragung nach Japan, Verschmelzung in ChinaEisai · Dōgen · Chan und Reines Land

Linji und Caodong gelangen nach Japan und heißen dort Rinzai und Sōtō. In China wachsen gleichzeitig Chan und Reines Land zusammen; ab Ming und Qing ist die gemeinsame Übung beider die verbreitetste Praxisform.

03

Die fünf Häuser: fünf Temperamente, eine Sache

Die fünf Häuser sind fünf Unterrichtsstile und keine fünf Lehren. Der Unterschied liegt darin, wie man jemanden bis an den entscheidenden Punkt treibt, nicht darin, was dort erkannt wird.

Linji-Haus

Stock und Schrei · das schroffste HausYixuan · 9. Jh.

Direkt, heftig, ohne Rücksicht. Anschreien, schlagen, in die Enge fragen, alles mit dem Ziel, das Begriffssystem in dem Sekundenbruchteil zu unterbrechen, in dem du noch nicht denken konntest. Später kommen die vier Verfahren und die Huatou-Übung hinzu; das ist der heute am weitesten verbreitete Zweig.

Am stärksten erhalten. Japanisches Rinzai, Linie der meisten Chan-Klöster in China
Caodong-Haus

Feingliedrig · das systematischste HausDongshan Liangjie · Caoshan Benji · 9. Jh.

Statt Schockmitteln genaue Analyse der Positionen. Dongshans fünf Positionen sind das, was einer Landkarte im Chan am nächsten kommt. Hier entsteht später das Mozhao, das stille Erleuchten, das in Japan zum Shikantaza wird.

Erhalten. Japanisches Sōtō, eine der größten buddhistischen Schulen Japans
Guiyang-Haus

Stilles Einvernehmen · das zurückhaltendste HausGuishan Lingyou · Yangshan Huiji · 9. Jh.

Bekannt für Zeichen wie den gemalten Kreis und für eine Verständigung zwischen Lehrer und Schüler, die ohne Worte auskommt. Der sanfteste Stil und der am schwersten weiterzugebende.

Schon in der Song-Zeit erloschen. Heute nur noch dem Namen nach in Übertragungslinien
Yunmen-Haus

Ein-Wort-Schranke · das schärfste HausYunmen Wenyan · 10. Jh.

Berühmt für extrem kurze Antworten. „Was ist Buddha?“ „Ein Scheißstock.“ Ein einziges Wort kappt sämtliche Voraussetzungen. Höchste sprachliche Dichte, literarisch das stärkste Haus.

Nach der Südlichen Song erloschen. Xuyun hat die Linie im 20. Jh. wieder aufgenommen
Fayan-Haus

Durchdringend · das argumentativste HausFayan Wenyi · 10. Jh.

Von den fünf Häusern dasjenige, das die Lehrtexte am ernstesten nimmt und am engsten mit dem Huayan-Denken verbunden ist. Yongming Yanshou stammt aus dieser Linie und ist der entscheidende Betreiber der Verschmelzung von Chan und Reinem Land.

Nach der Song in anderen Linien aufgegangen. Wirkung des Denkens weit größer als die der Linie
Sieben Schulen

Aus Linji werden zweiHuanglong · Yangqi · 11. Jh.

Das Linji-Haus spaltet sich später in die Zweige Huanglong und Yangqi; zusammen ergibt das die Formel „fünf Häuser, sieben Schulen“. Yangqi setzte sich durch und wurde zur Hauptlinie des Linji-Chan. Dahui Zonggao stammt aus ihr.

Yangqi ist heute der Hauptstrang des Linji-Chan
04

Stufenkarte (I): drei klassische Einteilungen

Chan wirkt auf viele so, als hätte es überhaupt keine Stufenfolge. Tatsächlich hat es mehrere, sie heißen nur nicht „die soundsovielte Stufe“. Die drei folgenden sind die verbreitetsten.

Eins · Berge sind Berge: die verständlichste Einteilung

Diese drei Sätze von Qingyuan Weixin sind die meistzitierte Stufenbeschreibung des ganzen Chan. Sie beschreiben eine einzige Welt und drei Verhältnisse zu ihr.

Erster Satz

Berge sind Berge, Wasser ist Wasservor jeder Übung

Naiver Realismus. Der Berg ist der Berg, ich bin ich, der Tisch ist der Tisch. Wer hier steht, lebt bodenständig und vollständig an der Leine der Begriffe. Hinter jedem Etikett wird ein wirkliches Ding vermutet.

Zweiter Satz

Berge sind nicht Berge, Wasser ist nicht Wasserein Einstieg ist gefunden

Du siehst, dass Begriffe Begriffe sind und eine Oberfläche eine Oberfläche. Der Spalt zwischen dem Namen „Berg“ und dem Haufen Stein wird sichtbar.

Diese Phase ist ausgesprochen unangenehm. Sehr viele bleiben hier hängen und geraten in Sinnlosigkeit, Entfremdung, das Gefühl, dass nichts mehr zählt. Chan warnt davor ausdrücklich: die Leerheit festzuhalten ist heikler, als das Sein festzuhalten.

Dritter Satz

Berge sind eben Berge, Wasser ist eben Wasserzur Ruhe gekommen

Der Berg ist wieder Berg, und mit dem Anfang hat das nichts zu tun. Im ersten Satz hast du den Spalt nicht gesehen, im dritten brauchst du ihn, nachdem du ihn gesehen hast, nicht mehr festzuhalten.

Deshalb landet Chan am Ende beim „alltäglichen Geist“, beim „Bin ich hungrig, esse ich; bin ich müde, schlafe ich“. Ein Rückfall an den Ausgangspunkt ist das nicht. Es ist das erste Mal, dass du nach einem sehr großen Umweg einfach isst.

Vor dreißig Jahren, als dieser alte Mönch noch nicht übte, waren mir Berge Berge und Wasser Wasser. Später, als ich einen Lehrer fand und einen Einstieg hatte, waren mir Berge nicht Berge und Wasser nicht Wasser. Und jetzt, wo ich zur Ruhe gekommen bin, sind mir Berge wieder eben Berge und Wasser eben Wasser.Qingyuan Weixin · Wudeng Huiyuan (Sammlung der fünf Lampen)

Zwei · Die drei Pässe: Anfangspass, zweiter Pass, letzter Pass

Seit Ming und Qing ist das der schulintern übliche Prüfmaßstab. Es ist zugleich der Maßstab, mit dem am liebsten geprahlt wird, deshalb gehört er genau beschrieben.

Erster Pass

Den Anfangspass durchbrechen / die eigene Natur sehendas erste Erkennen

Der Zweifel ist zu einem einzigen Stück geworden und fällt dann unvermittelt ab. Zum ersten Mal erkennst du direkt das, was ohnehin schon da war. Das ist die Immatrikulation und kein Ziel. Chan nennt es „einmal groß sterben“.

Starke Meditationserfahrungen wie Leichtigkeit, Licht oder das Gefühl, dass Körper und Geist abfallen, sind eine andere Sache als dieser Durchbruch. Genau deshalb braucht es traditionell die Prüfung durch einen Lehrer. Erfahrungen hat jeder, Einsicht ist etwas anderes.

Zweiter Pass

Den zweiten Pass durchbrechen / halten und bewahrenist es auch in Bewegung noch da

Der erste Pass gelingt meist in der Stille und geht im Alltag sofort wieder verloren. Den zweiten Pass zu durchbrechen heißt, diese Einsicht in Bewegung und Ruhe gleichermaßen stabil zu halten. In der vollen U-Bahn, und auch, wenn dich jemand anbrüllt.

Diese Phase ist die längste und die unansehnlichste: keine Dramatik, nur Verlieren und Wiederaufnehmen im Wechsel. Die allermeiste tatsächliche Arbeit fällt hier an.

Letzter Pass

Den letzten Pass durchbrechen / das letzte Wortauch das Erwachen loslassen

Zuletzt ist das feinste Anhaften zu durchbrechen: „ich bin erwacht“. Chan beschreibt diesen Pass traditionell äußerst wortkarg, weil jede Aussage darüber schon danebenliegt.

Ehrlich gesagt: Was genau die Kriterien der drei Pässe sind, wird von Schule zu Schule unterschiedlich gesagt, und historisch wurde darüber viel gestritten. Wenn im Internet jemand behauptet, er habe den soundsovielten Pass durchbrochen, musst du das weder glauben noch widerlegen. Die Sache gehörte nie in ein öffentliches Gespräch.

Drei · Dongshans fünf Positionen: das Koordinatensystem des Caodong-Hauses

Das ist das Systemhafteste, was Chan zu bieten hat. „Gerade“ steht für das Prinzip, die Leerheit, das Ursprüngliche, „Schräg“ für die Erscheinung, das Seiende, das Phänomen. Die fünf Positionen beschreiben fünf Anordnungen dieser beiden. Es sind fünf Blickwinkel und keine fünf Treppenstufen, auch wenn sie oft als Stufenfolge gebraucht werden.

Eins

Das Schräge im Geraden

Vom Prinzip her auf die Erscheinung sehen. Die Leerheit ist gesehen, und es klebt noch die Spur des „ich sehe hier Leerheit“ daran; alles wird sofort auf die Leerheit hin ausgelegt. Das ist der typische Zustand des zweiten Satzes: Berge sind nicht Berge.

Zwei

Das Gerade im Schrägen

Aus der Erscheinung heraus das Prinzip erkennen. Du erkennst das Ursprüngliche in der konkreten Sache und musst dafür nicht mehr über das Abstrakte gehen.

Drei

Aus dem Geraden hervortreten

Aus dem Grund heraus wirken, ohne auf eine der beiden Seiten zu fallen. Beim Handeln fällt kein Wort über Leerheit, und trotzdem geht kein einziger Schritt daran vorbei.

Vier

Ankommen im Zugleich

Prinzip und Sache laufen gemeinsam, hier wird die Arbeit anstrengend. Du stellst dich bewusst auf keine der beiden Seiten. Es formt sich, kostet aber noch Kraft.

Fünf

Vollendet im Zugleich

Kein Unterschied mehr zwischen Prinzip und Sache, und auch kein „ich übe gerade“ mehr. Zurück im Alltäglichen, und es ist nicht mehr der alte Alltag.

Vier · Linjis vier Verfahren: ein Werkzeugkasten für Lehrer

Das hier sind Handgriffe des Lehrers und keine Stufen des Schülers. Je nachdem, wo jemand feststeckt, wird ihm etwas weggenommen. Es steht hier, weil es regelmäßig für eine Stufenfolge von Verwirklichungsgraden gehalten wird.

Verfahren eins

Die Person nehmen, das Objekt lassen

Gegen starkes Anhaften am Ich: Das „Ich“ wird weggenommen, die Welt bleibt stehen.

Verfahren zwei

Das Objekt nehmen, die Person lassen

Gegen starkes Anhaften an den Dingen: Die äußere Welt wird weggenommen, das Subjekt bleibt.

Verfahren drei

Beides nehmen

Beide Seiten fallen weg. Für den, der sich an beiden festhält.

Verfahren vier

Nichts nehmen

Es wird nichts angerührt. Für den, der ohnehin nichts mehr festhält; hier wäre jeder Eingriff überflüssig.

05

Stufenkarte (II): die zehn Ochsenbilder

Wenn du dir nur eine Karte ansiehst, dann diese. Kuoan Shiyuan hat in der Song-Zeit mit den zehn Bildern seiner „Zehn Ochsenbilder mit Versen“ den ganzen Weg gezeichnet: Ochsen suchen, Ochsen zähmen, Ochsen vergessen. Die beiden letzten Bilder tragen dabei alles. Der Ochse ist der ursprüngliche Geist.

I

Den Ochsen suchenmerken, dass etwas fehlt

Es fängt damit an, dass etwas nicht stimmt. Du kannst nicht sagen, was fehlt, und du weißt, dass es so nicht weitergeht. Die meisten Menschen kommen ihr Leben lang nicht bis hierher, weil sie nie das Gefühl hatten, etwas verloren zu haben. Am Suchen liegt es nicht.

II

Die Spuren sehengelesen, gehört, eine Fährte

Über Texte, Vorträge und die Erfahrung anderer weißt du inzwischen, dass es so etwas gibt. Was du in der Hand hast, sind Fußabdrücke und nicht der Ochse. Viele halten „ich habe es verstanden“ für „ich habe es gesehen“ und bleiben genau hier stehen.

III

Den Ochsen sehender erste Blick

In irgendeinem Moment siehst du ihn tatsächlich, meist sehr kurz und meist dann, wenn du am wenigsten darauf vorbereitet bist. Entspricht dem Durchbruch durch den Anfangspass.

IV

Den Ochsen fangengepackt, aber er wehrt sich

Gesehen zu haben heißt nicht, ihn halten zu können. Die Wildheit ist noch da; lässt du los, ist er weg. Das Bild zeigt einen Menschen, der sich mit aller Kraft in den Strick stemmt. Das anstrengendste Bild der Reihe.

V

Den Ochsen hütendas lange Zähmen

Der längste Abschnitt. Du musst nicht mehr mit aller Kraft ziehen, hinsehen musst du noch. Entspricht der Bewahrarbeit am zweiten Pass. Die Weide ist der Alltag.

VI

Auf dem Ochsen nach Hause reitenes kostet keine Kraft mehr

Der Ochse folgt, der Mensch sitzt auf seinem Rücken und spielt auf dem Heimweg Flöte. Die Übung ist durchgehend geworden, nichts muss mehr erzwungen werden. Viele halten das für das Ziel. Ist es nicht.

VII

Den Ochsen vergessen, der Mensch bleibtdie Methode darf weg

Zu Hause angekommen, ist der Ochse verschwunden. Das Mittel hat seine Aufgabe erledigt. Hier gilt das Gleichnis vom Floß: Bist du über den Fluss, trägst du es nicht auf dem Kopf weiter.

VIII

Ochse und Mensch beide vergessenein leerer Kreis

Auf diesem Bild ist nichts, nur ein Kreis. Auch der Übende ist verschwunden. Endete die Karte hier, wäre es ein Irrweg. Das Entscheidende am Chan ist gerade, dass es hier nicht stehen bleibt.

IX

Zurück zum UrsprungBlüten öffnen sich, Wasser fließt

Das Bild zeigt wieder Berge, Wasser, Blüten und Vögel, und keinen Menschen. Die Welt ist so, wie sie immer war, und braucht niemanden, der das bestätigt. Entspricht dem „Berge sind eben Berge“.

X

Auf den Markt gehen, die Hände reichenzurück auf den Marktplatz

Das letzte Bild zeigt einen dicken Mönch mit offenem Hemd und einer Weinkalebasse, der ins Getümmel geht und mit den Leuten schwatzt. Der Endpunkt der ganzen Reihe liegt auf dem Marktplatz und nicht im Gebirge.

Das ist die Antwort des Chan auf die Frage, was man denn tut, wenn man fertig ist: zurück unter Menschen, und zwar so, dass niemandem etwas Besonderes an dir auffällt. Es ist eine Rückkehr. Ein Aufstieg ist es nicht.

Warum lohnen sich gerade die Ochsenbilder? Weil sie die beiden Stationen zeichnen, die am leichtesten übersprungen werden: das achte Bild, auf dem auch der Übende verschwindet, und das zehnte, zurück auf dem Marktplatz. Sehr vieles, was über Übungswege geschrieben wird, hört beim sechsten oder achten Bild auf, und daraus werden zwei Krankheiten. Die eine hält die Methode für den Zweck, die andere die Leerheit für einen Wohnort. Die Ochsenbilder sagen es unmissverständlich: Der Weg endet unter Menschen, und zwar so, dass man es dir nicht ansieht.
06

Literatur: der Bücherberg einer Schule, die „nicht auf Schriftzeichen gegründet“ ist

Pflicht

Plattform-Sūtra des Sechsten Patriarchen

Die einzige Schrift eines ostasiatischen Patriarchen, die selbst als „Sūtra“ gilt. Der zugänglichste Originaltext des Chan, zum großen Teil Geschichten und Dialoge. Fang hier an.

Aufzeichnungen

Linji-lu

Die Reden des Linji Yixuan. Über dem ganzen Buch liegt eine gereizte Energie; es liest sich, als packe dich jemand am Kragen. Der „wahre Mensch ohne Rang“ stammt von hier.

Kōan-Sammlungen

Bi-Yän-Lu · Mumonkan

Kōan mit Kommentar und Vers. Der Mumonkan (Die torlose Schranke) hat 48 Fälle, ist kurz und für den Einstieg geeignet; das Bi-Yän-Lu ist deutlich umfangreicher und literarisch anspruchsvoller. Achtung: Kōan sind keine Rätsel, such nicht nach der Lösung.

Lampen-Chroniken

Jingde-Aufzeichnungen · Wudeng Huiyuan

Stammbaum und Geschichtensammlung des Chan in einem. Sätze wie „Der alltägliche Geist ist der Weg“ und „Berge sind Berge“ stehen hier. Als Geschichtenband gelesen ausgesprochen unterhaltsam.

Institution

Baizhangs Klosterregel

Die Verfassung des Klostersystems. Wer verstehen will, warum Chan überlebt hat, kommt damit weiter als mit jeder Kōan-Sammlung.

Japanische Linie

Shōbōgenzō

Dōgens Werk, der theoretische Gipfel des Sōtō. Extrem schwer zugänglich, aber sein Gedanke, dass Übung und Verwirklichung eins sind, hat das ostasiatische Verständnis von „Üben“ insgesamt verändert.

07

Fünf Punkte, die oft schief wiedergegeben werden

Chan ist eine der produktivsten Schulen der gesamten ostasiatischen Literaturgeschichte. Der Satz richtet sich dagegen, das Wort für die Sache selbst zu halten, und verbietet gar nichts. Huineng erwachte beim Hören des Diamant-Sūtra, und das Plattform-Sūtra zitiert seitenweise.

Der Sinn liegt näher an: Die Karte ist nicht das Gelände. Nur kommst du ohne Karte auch nirgendwo hin.

Ein Kōan ist keine Aufgabe mit Musterlösung. Seine Funktion ist, dein Lösungssystem außer Betrieb zu setzen. Wenn du eine hübsche Deutung findest, ist das gerade der Beleg, dass es bei dir nicht gewirkt hat.

Auch deshalb besteht Chan auf einem Lehrer: Wer allein zu Hause an einem Kōan sitzt, redet sich mit ziemlicher Sicherheit selbst etwas ein.

„Plötzlich“ beschreibt die Art des Sehens, für das es keinen Zwischenzustand gibt. Über die Länge des ganzen Weges sagt das Wort nichts. Die Arbeit des Haltens nach dem Sehen der eigenen Natur dauert in den traditionellen Beschreibungen länger als alles davor.

Die drei Pässe und die zehn Ochsenbilder existieren aus genau einem Grund: dir zu sagen, wie weit es danach noch ist.

Auf „Der alltägliche Geist ist der Weg“ folgt nicht „also kannst du liegen bleiben“. Mazu sagte den Satz zu Leuten mit erheblicher Übungserfahrung. Jemandem ohne diese Erfahrung gesagt, wirkt er ungefähr so wie „das Wasser trägt dich sowieso“, einem Nichtschwimmer zugerufen.

Der tatsächliche Tagesablauf im Chan war historisch extrem straff: Feldarbeit und Meditation nebeneinander, Sitzperioden und Gehmeditation im Wechsel, Sesshin. „Nichts erzwingen“ ist das Ergebnis, nicht der Eingang.

Wie oben beschrieben, ist diese einlinige Übertragung in Tang und Song schrittweise konstruiert worden. Das anzuerkennen macht eher sichtbar, wie Chan in wirklicher Geschichte gewachsen ist.

Der Wert einer Tradition hängt nicht daran, ob ihr Stammbaum lückenlos ist.

08

Einstieg

STEP 1

Lies zuerst „Zen-Geist, Anfänger-Geist“eine Woche

Shunryū Suzuki, dünn, und es geht durchgehend um Haltung, Atem, Alltag. Es gibt dir nicht ein bisschen Geheimnis, und genau darin liegt sein Wert.

STEP 2

Gleichzeitig jeden Tag zehn Minuten Atemzählenerster Monat

Die Methode steht in Abschnitt 04 der Startseite, Methodenbibliothek. Lesen und Sitzen müssen zusammen anfangen; nur lesen und nicht sitzen ist genau der Zustand, den Chan am wenigsten schätzt.

STEP 3

Das Plattform-Sūtra lesen, mit Kommentarzweiter und dritter Monat

Zu diesem Zeitpunkt hast du etwas Sitzerfahrung, und der Text liest sich völlig anders, als wenn du ihn nur als Philosophie nimmst. Die deutsche Übersetzung von Ursula Jarand („Das Sutra des Sechsten Patriarchen“, Schirner 2008) ist neu nur noch schwer zu bekommen, am ehesten antiquarisch über ZVAB oder booklooker.

STEP 4

Im Mumonkan blättern, aber nicht ratendanach

Lies ihn als Geschichtensammlung. Bei welchem Fall dir unbehaglich wird und du nicht weiterkommst, den lässt du liegen. Genau dieses Nichtweiterkommen ist das, was für dich bestimmt ist.

STEP 5

Such dir einen echten Menschenwenn du es ernst meinst

Huatou und stilles Erleuchten lernt man nicht aus Büchern. Kriterien für die Auswahl: Lässt sich das, was jemand sagt, nachfragen? Führt es dich in Abhängigkeit von dieser Person? Geht es um Geld oder um Kontrolle über dein Leben? Wo etwas davon nicht stimmt, gehst du einfach.

Adressen im deutschsprachigen Raum findest du im Verzeichnis der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), sortiert nach Ort und Tradition. Und lies bitte unbedingt den Risikohinweis in Abschnitt 06 der Methodenbibliothek, bevor du dich für ein Sesshin entscheidest.